Wie eine kleine Gemeinde in Köthen (Sachsen-Anhalt) durch Hilfsbereitschaft in eine existenzielle Krise geriet – und Bewahrung erlebte
Aus kurzfristiger Nothilfe wurde für die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Köthen eine jahrelange Belastungsprobe. Nach einem langen Konflikt um die Nutzung ihres Gemeindehauses hat die kleine Gemeinde die Räume wieder zurück – und steht vor umfangreichen Aufräum- und Renovierungsarbeiten. Die Erfahrung hat ihr deutlich gemacht: Hilfsbereitschaft braucht Vertrauen, aber auch klare Vereinbarungen und Grenzen.
Es begann mit dem Wunsch zu helfen. Es endete mit Gerichtsvollzieher, Müllbergen, erheblichen Schäden und einer kleinen Gemeinde, die über Monate bis an ihre Grenzen belastet wurde. Die Geschichte der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Köthen ist eine Geschichte über christliche Hilfsbereitschaft und darüber, wie aus gut gemeinter Hilfe eine kaum noch beherrschbare Konfliktsituation entstehen kann. Aber sie ist noch mehr: eine Geschichte über notwendige Grenzen bei der Unterstützung durch andere Christen und über die Erfahrung, dass Gott auch in einer kaum noch beherrschbaren Situation bewahren kann.
Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Köthen ist klein. Zu Beginn der Ereignisse gehörten ihr gerade mal 17 Mitglieder und vier Freunde an. An den Gottesdiensten nahmen regelmäßig etwa acht bis zehn Erwachsene sowie einige Kinder teil. Einen Pastor/ Pastorin oder andere hauptamtliche Mitarbeitende gibt es nicht. Die Gemeindeleitung lag weitgehend bei Jürgen Giese, der zugleich die Verantwortung für die Finanzen trug. Das Gemeindehaus gehört der Gemeinde seit Jahrzehnten; größere finanzielle Spielräume gab es jedoch kaum.
Gerade deshalb trafen die Ereignisse die Gemeinde besonders hart.
Eine junge Familie sucht Anschluss
Eine Familie mit Kindern suchte Anschluss an die Gemeinde und wurde 2023 in die Gemeinde aufgenommen. (Namen sind dem Autor bekannt) Der Kontakt entwickelte sich zunächst völlig unspektakulär: Die Familie besuchte die Gemeinde, suchte Gespräche und stellte sich als gläubige Christen vor, die in einer Gemeinde Heimat finden und sich einbringen wollten. Sie kennen sich im freikirchlichen Kontext aus und so wurde das Ehepaar Anfang 2023 durch Zeugnis in die Gemeinde aufgenommen.
Als die Familie später von erheblichen Problemen in ihrer damaligen Wohnung berichtete, wollte die Gemeinde helfen. Die Familie berichtete von erheblichen Problemen in ihrer damaligen Wohnung, unter anderem von Schimmel. Das kleine Ein-Zimmer-Appartement im Dachgeschoß des Gemeindehauses sollte deshalb zunächst eine kurzfristige Zuflucht sein. Gedacht war an eine Übergangszeit von etwa drei Monaten – ausdrücklich nicht an ein reguläres Mietverhältnis. Ein Mietvertrag wurde deshalb nicht geschlossen, Miete wurde nicht vereinbart.
Aus der kurzfristig gedachten Unterbringung entwickelte sich jedoch ein jahrelanger Aufenthalt, den die Gemeinde später beenden wollte.
Die Familie brachte zunehmend Hausrat und Möbel mit. Ein Umzug in eine eigene Wohnung kam trotz verschiedener Hinweise und Hilfsangebote aus der Gemeinde nicht zustande. Was zunächst aus Mitgefühl akzeptiert worden war, führte in den weiteren Monaten zu immer größeren Fragen.
Aus drei Monaten werden Jahre
Spätestens 2025 wurde die Situation zunehmend konfliktreich. Gespräche über eine neue Wohnung und einen Auszug blieben aus Sicht der Gemeinde ohne Ergebnis. Im September 2025 kam es zu einer deutlichen Eskalation. Ein Versuch, mit Hilfe eines Mediators eine Lösung zu finden, führte ebenfalls nicht weiter. Schließlich wurde die Kommunikation weitgehend über einen Rechtsanwalt geführt. Zum 31. Dezember 2025 entzog die Gemeinde der Familie schriftlich das Nutzungsrecht.
Gleichzeitig konnte die Gemeinde ihr eigenes Gebäude zunehmend nur noch eingeschränkt nutzen.
Nach Angaben der Verantwortlichen wurden schließlich praktisch sämtliche Räume von der Familie genutzt. Gottesdienste und Bibelstunden waren zeitweise nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich. Selbst für Veranstaltungen im eigenen Gebäude musste die Gemeinde aufgrund einer gerichtlichen Zwischenregelung Rücksicht auf die dort wohnende Familie nehmen. Ein Chor mit rund 40 Sängerinnen und Sängern, der das Gebäude seit Jahren mitnutzte, musste ausweichen, bis die Räume wieder nutzbar waren.
Für eine kleine Gemeinde dieser Größe war die Belastung enorm!
Hinzu kamen steigende Nebenkosten, Anwaltskosten, Kosten für den Gerichtsvollzieher und später erhebliche Aufwendungen für Reinigung, Entsorgung und Renovierung. Allein bei den Stromkosten musste die Gemeinde nach eigenen Angaben für 2025 800 Euro nachzahlen. Nach Angaben der Gemeinde wurde der Zugang für eine notwendige Heizungsreparatur nicht ermöglicht; in dieser Zeit wurde elektrisch geheizt.
Wenn Helfen zur Überforderung wird
Innerhalb der Gemeinde führte die Situation verständlicherweise auch zu Spannungen. Am Anfang standen Sympathie und Hilfsbereitschaft. Später kamen Enttäuschung, gegenseitige Vorwürfe und die Frage auf, ob man früher hätte Grenzen ziehen müssen. Ein Mitglied verließ im Zusammenhang mit dem Konflikt die Gemeinde. Am Ende herrschte jedoch Einigkeit darüber, dass der Zustand nicht länger hinnehmbar war.
Besonders schwer wog die Verantwortung, die Jürgen Giese als Gemeindeleiter im Ruhestand trug. Rückblickend beschäftigt ihn die Frage, warum bestimmte Warnsignale nicht früher erkannt wurden. Seine Hoffnung sei lange gewesen, dass Gott im Leben der Familie etwas verändern würde.
Diese Selbstkritik gehört zur Geschichte dazu. Die Gemeinde hatte helfen wollen. Sie wollte Menschen nicht vorschnell misstrauen. Genau diese Haltung machte sie jedoch auch verletzlich.
Der Rechtsweg wird unvermeidbar
Als Gespräche nicht mehr weiterführten, blieb schließlich nur noch der juristische Weg. In einer Güteverhandlung wurde vereinbart, dass die Familie das Gebäude bis zum 30. April 2026 verlassen sollte. Auch dieser Termin verstrich.
Schließlich wurde für den 24. Juli 2026 der Gerichtsvollzieher angekündigt. Einen Tag vorher, am 23. Juli, gab die Familie die Schlüssel ab. Damit endete nach langer Auseinandersetzung die Nutzung des Gemeindehauses durch die Familie. Der Familie konnte für eine Stellungnahme nicht kontaktiert werden, da sie unbekannt verzogen ist.
Was danach sichtbar wurde, erschütterte die Helfer.
Müll, Verschmutzung und beschädigtes Inventar
Die diesem Bericht beigefügten Fotos vermitteln einen Eindruck davon, was die Gemeinde nach dem Auszug vorfand: mit Gegenständen und Abfällen
übersäte Räume, zurückgelassene Spielsachen, Papier, Kartons und Einrichtungsgegenstände, eine stark verschmutzte Küche mit großen Mengen schmutzigen Geschirrs sowie Räume, die zunächst kaum regulär nutzbar waren.
Nach Angaben der Gemeinde waren Abflüsse verstopft, Teile des Inventars beschädigt und umfangreiche Entsorgungs- Reinigungs- und Renovierungsarbeiten erforderlich. Die Küche muss erneuert werden. Der Gottesdienstraum blieb im Vergleich zu anderen Bereichen weitgehend verschont.
Elf Helferinnen und Helfer waren unmittelbar nach dem Auszug im Einsatz. Rund vier Wochen dauerten allein die ersten Entsorgungs- Aufräum- und Reparaturarbeiten. Vieles wurde in Eigenleistung erledigt, Müll mit einem Anhänger zur Deponie gefahren und zusätzlicher Sperrmüll beseitigt.
Für eine große Gemeinde wären solche Belastungen schon kaum tragbar. Für eine Gemeinschaft mit weniger als zwanzig Mitgliedern können sie existenzbedrohend werden.
Unterstützung, die Mut macht
Doch die Gemeinde Köthen stand in ihrer Not nicht allein da. Im Jahr 2023 wurde sie von Regionalreferent Benno Braatz in einem zweijährigen Revitalisierungsprozess begleitet, durch den sie gerade neue Perspektiven gewonnen hatte.
Aus Nachbargemeinden und aus dem persönlichen Umfeld kamen praktische Hilfe und erste Spenden. Der Landesverband Niedersachsen-Ostwestfalen-Sachsen-Anhalt und der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden standen mit Rat und Tat zur Seite.
Die Gemeinde möchte nun wieder nach vorne sehen. Aber dafür braucht sie Unterstützung.
Neben den bereits geleisteten Eigenarbeiten sind weitere Renovierungen notwendig. Insbesondere die Küche muss erneuert werden. Hinzu kommen die finanziellen Belastungen der vergangenen Monate durch Nebenkosten, Rechtsberatung, Gerichtsvollzieher, Reinigung und Reparaturen.
Wer die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Köthen unterstützen kann – praktisch, fachlich oder finanziell –, hilft einer kleinen Gemeinde, ihr Haus wieder vollständig für Gottesdienst, Gemeindearbeit, Kinder und Gäste nutzbar zu machen.
Auch kleine Spenden und Hilfen können dabei einen Unterschied machen.
Was andere Gemeinden daraus lernen können
So außergewöhnlich die Situation in Köthen erscheinen mag, sie enthält Risiken und Hinweise, die auch für andere Gemeinden wichtig sind:
Christliche Hilfsbereitschaft braucht klare Strukturen. Menschen in Not brauchen Hilfe – Gemeinden zugleich verbindliche Vereinbarungen und wirksame Schutzmechanismen.
Jürgen Giese formuliert die Lernerfahrung sinngemäß so: Grundsätzliches Misstrauen soll nicht die Antwort sein. Aber Aussagen und Situationen müssen sorgfältiger geprüft werden.
Aus den Erfahrungen von Köthen ergeben sich deshalb einige sehr konkrete Empfehlungen: Wird Wohnraum oder eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, sollten Dauer, Nutzungsumfang, Kosten, Zugangsrechte und Beendigungsmöglichkeiten von Anfang an schriftlich festgehalten werden. Entscheidungen von solcher Tragweite sollten nicht allein auf den Schultern einer einzelnen Leitungsperson liegen. Ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und eine Schufa-Auskunft sollten bei Mitbewohnern von Gemeinderäumen in denen auch Kinder und Jugendliche verkehren niemals fehlen.
Bei ersten ernsten Konflikten sollten frühzeitig die Regionalreferenten, der Bund, soziale Fachstellen und gegebenenfalls juristische Beratung einbezogen werden.
Das bedeutet nicht, weniger barmherzig zu werden.
Es bedeutet, verantwortlich barmherzig zu handeln.
„Gott wird für euch streiten“
Bei allem Belastenden erzählt die Gemeinde diese Geschichte deshalb nicht nur als Warnung.
Sie erzählt sie auch als Geschichte der Bewahrung.
Über Monate betete die Gemeinde um einen Ausweg. Jürgen Giese berichtet von einem Traum im Herbst 2025: Ein Sturm habe die Tür des Gemeindehauses herausgerissen. Für ihn wurde dieses Bild zu einer Hoffnung darauf, dass die Gemeinde eines Tages wieder freien Zugang zu ihrem eigenen Haus haben würde.
Zu Beginn des Jahres begleitete die Gemeinde außerdem ein Wort aus der Geschichte vom Durchzug durch das Schilfmeer: Gott werde für sie streiten, während sie still sein dürften.
Nun ist das Haus also endlich wieder in der Hand der Gemeinde.
Nicht alles ist repariert. Nicht alle Wunden sind verheilt. Und manche Fragen werden bleiben.
Aber Gottesdienste sind wieder ohne diese Belastung möglich. Der Chor kann zurückkehren. Menschen aus der Umgebung helfen. Gemeinden und Einzelne spenden. Nach Monaten, in denen die Verantwortlichen nicht wussten, wie die Geschichte enden würde, ist wieder Zukunft vorstellbar.
Vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Erfahrung dieser schwierigen Zeit:
Barmherzigkeit braucht Grenzen. Verantwortung braucht Gemeinschaft. Und auch dort, wo menschliche Möglichkeiten an ihr Ende kommen, kann Gottes Bewahrung erfahren werden.
Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Köthen ist dankbar für alle, die für sie gebetet, praktisch mit angepackt, beraten und finanziell unterstützt haben. Und sie ist dankbar, dass sie trotz aller Schwierigkeiten weiter Gemeinde Jesu Christi in Köthen sein darf.
Autor: Jürgen Tischler, Referent für Gemeindeentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit im Landesverband NOSA
Fotos: Jürgen Giese
Unterstützung für Köthen:
Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Köthen freut sich weiterhin über praktische Hilfe und Spenden für Reinigung, Renovierung und die notwendige Erneuerung der Gemeindeküche.
Bankverbindung:
EFG Köthen; IBAN: DE95 5009 2100 001 1644 22; Frei.kirchenbank Bad Homburg
